Überblick
Alte Straßen als neue Wege fürs Bikepacking
In Europas Wäldern und Feldern liegen viele alte Straßen, manche gehen auf die Römer zurück. Sie waren Pilger-, Post-, Handels- oder Heerstraßen und verbanden einst lebendige Orte. Mit Eisenbahn und Autobahn verloren sie ihre Aufgabe – und warten seitdem darauf, wiederentdeckt zu werden.
Mit breiten Reifen sind diese Wege ideal, um auf den Spuren der Geschichte weite Strecken zu reisen, fern vom Autoverkehr.
Der Bernauer Heerweg ist eine dieser Straßen – Berlins ältester Weg ans Meer. Lange bevor Bahn und Autobahn die Stadt mit der Ostsee verbanden, zogen hier Reiter, Händler und Pilger nach Norden, Tag für Tag, Etappe für Etappe. Seinen Verlauf zwischen der Burg (später Zitadelle) Spandau und dem Hafen von Stettin haben wir mit Fachliteratur, georeferenzierten alten Karten und Überlieferungen rekonstruiert. Fahrt ihn mit uns ab.


Was sind Heerstraßen? Das Erbe Roms
Der Begriff „Heerstraße“ geht auf die römischen Militärstraßen zurück. Sie dienten den Legionen, waren aber zugleich Handelsrouten, über die Waren, Ideen und kulturelle Einflüsse durch das Reich wanderten.
Die Römer haben ein umfangreiches Netzwerk von Straßen geschaffen, das als Römerstraßen oder Heerstraßen bekannt ist. Diese Straßen dienten nicht nur militärischen Zwecken, sondern auch dem zivilen und wirtschaftlichen Verkehr. Einige bekannte Beispiele für römische Heerstraßen sind:
- Via Appia (Via Appia Antica): Eine der bekanntesten römischen Straßen, die im Jahr 312 v. Chr. von Appius Claudius Caecus gebaut wurde. Sie erstreckte sich von Rom bis nach Brindisi im Süden Italiens und spielte eine entscheidende Rolle bei der Verbindung der Hauptstadt mit den südlichen Provinzen.
- Via Flaminia: Diese Straße wurde 220 v. Chr. von Gaius Flaminius Nepos gebaut und verband Rom mit der Adriaküste. Sie war eine wichtige Verbindung in Richtung des heutigen Rimini.
- Via Claudia Augusta: Sie führte von der Po-Ebene über die Alpen bis nach Augsburg und diente vor allem dem Handel und der Verbindung zwischen Italien und den nördlichen Provinzen.
- Via Aemilia: 187 v. Chr. von Marcus Aemilius Lepidus angelegt, verband sie Ariminum (Rimini) und Placentia (Piacenza) und erschloss die Po-Ebene.
Sie zeugen von römischer Ingenieurskunst: Straßennetze, die Truppen bewegten und zugleich Handel, Nachrichten und Kultur transportierten.
„Heerstraße“ heißt also nicht, dass eine Straße nur militärisch genutzt wurde. Viele wurden für das Militär angelegt und übernahmen mit der Zeit weitere Aufgaben. Genau so war es beim Bernauer Heerweg.
Die Geschichte der Bernauer Heerstraße
Die Bernauer Heerstraße verband im Mittelalter die Burg Spandau mit Bernau, den Burgen des Barnims und dem Ostseehafen Stettin. Angelegt wurde sie im 13. Jahrhundert für berittene Truppen, die Tagesetappen von rund 40 Kilometern zurücklegten. Bernau wurde zum Etappenort, an dem Pferde rasten, fressen und trinken konnten. Später nutzten Händler, Pilger und Postkutschen den Weg – und über ihn kam auch das berühmte Bernauer Bier nach Berlin.
Die Entstehung der Straße hängt mit der hochmittelalterlichen Ostsiedlung zusammen, bei der deutschsprachige Siedler in die östlichen Randgebiete des Heiligen Römischen Reiches zogen. Sie verlief teils als gewaltsame Missionierung, teils als friedliche Besiedlung und brachte die Infra- und Rechtsstrukturen des Reichs mit. Eine herausragende Rolle spielten die Askanier: Albrecht der Bär trug ab dieser Zeit den Titel „Markgraf von Brandenburg“ und unternahm von der Burg Spandau aus Feldzüge zur Odermündung. Das sicherte militärische Kontrolle und öffnete den Zugang zum lukrativen Ostseehandel um die Hansestadt Stettin. Die Bernauer Heerstraße verband diese Punkte; Burgen wie in Biesenthal sicherten das Gebiet.
Diese Geschichte gehört kritisch betrachtet. Die deutsche Ostsiedlung war nicht nur friedlich, sondern ging auch mit gewaltsamer Missionierung in slawisch und baltisch bewohnten Gebieten einher. Expansion und kulturelle Assimilation gehören ebenso zu ihr wie Handel und Stadtgründungen.
Viele Heerwege
Zwischen Spandau und Eberswalde lässt sich der historische Verlauf der Bernauer Heer- und Handelsstraße genau rekonstruieren. Ab Eberswalde und besonders Richtung Oderberg wird es komplizierter: Über die Jahrhunderte verschob sich der Weg mehrfach, etwa durch Stadtgründungen. Streng genommen gab es mehrere „Heerwege“.

Ab Oderberg gewann der Wasserweg an Bedeutung: Schwere Güter gingen hier aufs Schiff und weiter flussabwärts. Das kostete Zoll, brachte die Waren aber schneller ans Ziel. Eine Station dieses Handels war der Bärenkasten in Oderberg, eine historische Zollstätte. Damals floss die Oder direkt an der Burg vorbei; nach Kanalisierung und Trockenlegung liegt die Festung heute versteckt in einer Kleingartenkolonie.
Vom Mittelalter bis heute
Über die Jahrhunderte wurde aus der Heerstraße vor allem eine Handelsroute, die Orte und Menschen verband.
Industrialisierung und die beiden Weltkriege veränderten die Region und ihre Gemeinden tiefgreifend.
Nach 1945 durchschnitt die Teilung den Weg: Spandau gehörte zu West-Berlin, Bernau zur DDR. Ab 1961 trennte die Mauer Familien, Freunde und wirtschaftliche Verbindungen.
Mit dem Fall der Mauer 1989 und der Wiedervereinigung wuchs zusammen, was getrennt war. Die alte Verbindung zwischen Spandau und Bernau ist wieder offen.
Heute erzählt der Bernauer Heerweg von Trennung und ihrer Überwindung – und mit dem Weg über die Oder nach Stettin auch von einer gemeinsamen europäischen Zukunft.
Literatur
Fritze, Konrad; Müller-Mertens, Eckhard; Schildhauer, Johannes (Hg.): Hansische Studien. 5, Weimar 1981.
Gemeinde Panketal (Hg.): 100 Jahre Hobrechtsfelde. Online unter https://digital.zlb.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:kobv:109-opus-136097, Zugriff zuletzt 15.08.2020.
Herrmann, Joachim: Der „Barnim“ und Berlins Weg zum baltischen Meer am Ende des 12. und in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, in: Hansische Studien. 5, hg. von Konrad Fritze, Eckhard Müller-Mertens und Johannes Schildhauer, Weimar 1981 (Abhandlungen zur Handels- und Sozialgeschichte), 29–40.
Hoppe, Willy: Die Mark Brandenburg, Wettin und Magdeburg. Ausgewählte Aufsätze, Köln, Graz 1965.
Rainer Horn: Wissenswertes am Wegesrand, in: MOZ.de, 5/2/2014.
Kuntzemüller, Otto: Urkundliche Geschichte der Stadt und Festung Spandau von Entstehung der Stadt bis zur Gegenwart, Berlin-Spandau 1881.
Materna, Ingo; Adamy, Kurt (Hg.): Brandenburgische Geschichte. Berlin 1995.
Mundt, Hans: Die Heer- und Handelsstrassen der Mark Brandenburg vom Zeitalter der ostdeutschen Kolonisation bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, Berlin 1932.
Ribbe, Wolfgang (Hg.): Geschichte Berlins, Berlin 2002.
Schultze, Johannes; Vogel, Werner (Hg.): Die Mark Brandenburg, Berlin 2011.
Bildnachweis
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Karte_von_Berlin_und_Umgebung_(1922)_in_12_Bl%C3%A4ttern_III_Bernau.jpg (gemeinfrei, da Urheberechte erloschen)